22. März – 10 Mai 2025
Drei Künstler, fast zur gleichen Zeit, um 1920 geboren, (üb)erleben Ihre Kindheit unter dem Hitlerregime in Berlin.
Sie lernen sich erstmalig als Studenten Anfang 1940 an der Kunsthochschule in Berlin kennen. Die Wege von Maler & Grafiker Wolfgang Frankenstein, dem Maler Gerhard Moll und des Bildhauers Waldemar Grzimek kreuzen sich ab da immer wieder.
Die drei Freunde werden unter Hitler einberufen. Sie können sich teilweise geschickt dem Wehrdienst entziehen, in Zeiten der Euthanasie ein gefährliches Unterfangen. Im Widerstand gegen die Nazis ideologisch verbunden, erleben sie gemeinsam 1945 endlich das Kriegsende. Die drei Freunde können nun Ihr Studium beenden und endlich freischaffend arbeiten.
Moll und Frankenstein als Expressionisten stellen ab 1946 in der bekannten Berliner Galerie „Gerd Rosen“ am Kurfürstendamm aus, deren Mitgründer Frankenstein ist und von 1949-51 die Leitung übernimmt. Grzimek wird Meisterschüler in Berlin, im Atelier von Richard Scheibe und jüngster Lehrer der Bildhauerklasse auf „Burg Giebichenstein“.
Mit dem Mauerbau ändert sich 1961 das Leben der drei Männer erneut.
Die Freundschaft wird auf eine Zerreißprobe gestellt. Ob Ost oder West, die Entscheidung jedes Einzelnen ist im Nachhinein nicht politisch, sondern persönlich und ideologisch motiviert. Künstlerisch und menschlich finden sie trotz Mauerbau immer wieder zusammen. Jeder verarbeitet auf seine Weise, die Erlebnisse des Krieges, die politische Teilung Deutschlands und persönliche Zerwürfnisse in seinen Grafiken oder Plastiken. Trotz allem, oder gerade deshalb, entstehen gemeinsam grenzüberschreitende Werke.
Moll zog sich zunehmend in sein Atelier in Westberlin zurück. „Grenzgänger“ Grzimek, der u.a. als Professor an Kunsthochschulen auf beiden Seiten arbeitet, steht ihm als Freund bis in die 80iger Jahre hilfreich zur Seite.
Als 1984 Waldemar Grzimek stirbt, folgt Gerhard Moll ihm 2 Jahr später.
Wolfgang Frankenstein wechselt die Himmelsrichtung. Seine Überzeugung und zugleich die Verurteilung der revanchistischen Tendenzen im Westen, treiben den Antifaschisten 1952 nach Ostberlin. Die Briefwechsel zwischen Grzimek und Frankenstein belegen die Entzweiung und sind Bekenntnisse von Ohnmacht und Ausdruck aufrichtiger Freundschaft. W. Frankenstein erlebt 1990 den Mauerfall und bleibt bis zu seinem Tod 2010 künstlerisch aktiv.
Ihre Freundschaft war „grenzenlos“, nicht nur im metaphorischen Sinne des Austauschs von Gedanken und Ideen, sondern auch in der Art und Weise, wie sie trotz der Mauern, die sie trennten, zusammenarbeiteten, sich unterstützten und ihre politische Frustration teilten.
Die „grenzenlosen Freunde “ stehen heute u.a. mit Ihren Werken und ihrer Lebensgeschichte, als ein Modell für die Bedeutung von Kunst als Brücke in einer zunehmend polarisierenden Gesellschaft.
Der Fisch, Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm, 1950
Gerhard Moll
Zitate aus: Gerhard Moll, der Freund aus der Studienzeit (geschrieben von Wolfgang Frankenstein)
„Wir haben uns im Kriegsjahr 1941 kennengelernt, Gerhard Moll, Waldemar Grzimek und ich.
Wir studierten zusammen ein kurzes Jahr an der Akademie der Künste.
Grzimek wurde bald wieder einberufen, ich bekam Studienverbot.
Zwei Jahre später fuhren Moll und ich zum ersten Mal gemeinsam nach Hiddensee, an die einsame Neuendorfer Landzunge.
Wir lebten in einer der wenigen Bauernkaten und malten Aquarelle.
Die Meere- und Fisch-Motive kehren noch Jahre nach dem Krieg, in Molls Werke wieder“.
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„Als ich 1946 Kontakt zur Künstlergruppe um die Galerie Gerd Rosen bekam, sah ich, dass wir nicht die einzigen waren, die sich von der romantischen zur absurd-sarkastischen Verfremdung bewegten.
Ich zog Gerhard Moll in diese Gemeinschaft von »verwandten Seelen«.
Dort konnte er dann 1948 auch seine erste Einzelausstellung zeigen.
Sie fand große Beachtung in der Presse.
Und trotzdem wendete er sich, in einem Maße wie kein anderer der »Gleichgesinnten«, von der gesellschaftlichen Realität ab.
„Einige Jahre später gelang es noch einmal. Diesmal ging die Initiative von Waldemar Grzimek aus, Gerhard Moll in ein gemeinsames Vorhaben einzubeziehen. Im Sinne der Bauhaus-Vorstellungen wurde es ein architektonisches Objekt im Ensemble von Bildhauerei, Wandmalerei, Vorhangweberei und Innenarchitektur.“
„Danach versank Moll wieder in seine Weltflucht. Bei allen charakterlichen Unterschieden hatten wir doch viele Gemeinsamkeiten.“
„Er nahm die Welt wie durch einen Filter auf, ohne den sein empfindsames Wesen zerstört worden wäre. Er fühlte sich bedrängt von der Welt um ihn herum, von den Menschen, ihren Taten und Untaten. Er wollte sich vor ihnen bewahren, was ihm nicht immer gelang.“
„Es war fast ausschließlich der private Bereich, in dem Gerhard Moll Kontakte zu Menschen aufnahm, innige, liebevolle Kontakte.
Auch in diesem Lebensbereich blieb er der Abwartende, der Aufnehmende.
Aber hier hatte seine Aufnahmebereitschaft etwas fast Stürmisches, Vereinnahmendes.
Er selbst öffnete sich in seinen Bildern, in ihnen verdichtete er seine Gefühle.“
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Wolfgang Frankenstein
Das umfangreiche Werk des Berliner Künstlers Wolfgang Frankenstein (1918-2010) umfasst Malerei, Grafik und baugebundene Arbeiten und ist geprägt durch die historischen Umbrüche im 20 Jahrhundert. Es ist in renommierten Museen und Sammlungen präsent.
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Nach erlittener Verfolgung in den Jahren des Nationalsozialismus, widmete Frankenstein sich vollständig der künstlerischen Arbeit. Er wirkte im Künstlerkreis der Galerie Gerd Rosen und im Künstlerkabarett „Die Badewanne“ in Westberlin.
In den 50er Jahren siedelte er aus politischen Gründen u.a. wegen der Remilitarisierung in der BRD nach Ostberlin um.
Neben der künstlerischen Arbeit forschte Frankenstein seit den 60er Jahren zu theoretischen Fragen der Kunst und war Professor, zunächst an der Universität Greifswald, später in Berlin an der Humboldt-Universität, und arbeitete leitend in nationalen und internationalen Künstlerorganisationen.
Zitat:
„Es gibt Dinge, die man singen kann, aber nicht sagen,
es gibt Dinge, die man sagen, aber nicht machen kann,
es gibt Dinge, die man nicht singen und auch nicht sagen kann,
die man malen muss.
Solche Dinge versuche ich zu malen.“
(W. Frankenstein 1947)
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Im Käfig, Öl auf Leinwand, 48 x 52 cm, 1947
„Concetta“, Bronze H 24,5 cm, 1942
Waldemar Grzimek
Der deutsche Bildhauer, Waldemar Grzimek wurde 1918 in Ostpreußen geboren und ist in Berlin aufgewachsen.1937 studierte er an der Hochschule für bildende Künste bei Prof. Wilhelm Gerstel. 1942 erhielt er den Rompreis mit achtmonatigem Studienurlaub in der Villa Massimo, wo er mit seiner Frau Christa v. Carnap (später Cremer) den Bildhauer Fritz Cremer kennen lernte. Er begegnet Gerhard Moll und Wolfgang Frankenstein, die im selben Alter wie er Kunst in Berlin studieren. Wer den Krieg überlebt hatte und nicht fliehen musste, traf sich ab 1945 in der Galerie Gerhard Rosen in Berlin. Der Studienfreund Gerhard Moll verliebte und heiratete Ruth von Carnap, die Schwester seiner Frau Christa. Nach Kriegsende wird er mit 28 Jahren Lehrer der Bildhauerklasse an der Kunstschule Burg Giebichenstein.
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Trotz der Teilung Deutschlands 1961 bleibt er seinen Freunden Moll und Frankenstein verbunden. Briefe zeugen heute noch von großartiger Freundschaft. Gemeinsame Projekte wie Bau & Fassadengestaltungen folgen. Grzimek wird unterstützender Freund für den teilweise kranken und zurückgezogen Gerhard Moll.
W. G. publizierte u.a. gegen Baumaßnahmen in Berlin und übte öffentliche Kritik an Gestalt, Größe & Form des Berliner Kongresszentrums. Ein Entwurf zur Gestaltung des Stadtzentrums in Kiel lieferte er ebenfalls. Er beteiligte sich am Wettbewerb für die Gestaltung des Wittenbergplatzes in Berlin.
1981 erhielt er den 1. Preis für die Gestaltung der Brunnen am Wittenbergplatz.
1984 wurde ihm der Bremer Bildhauerpreis verliehen. Im gleichen Jahr – am 26. Mai – verstirbt Waldemar Grzimek nach kurzer schwerer Krankheit.
1985 erfolgt die Einweihung der Brunnenanlage auf dem Wittenbergplatz in Berlin-Schöneberg.
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