Im Unterschied zu Ton, Stein und Bronze ist das Holz ein vergänglicher Werkstoff. Doch es gibt Ausnahmen. Die KI hat mir verraten, dass die unbestritten älteste erhaltene Holzskulptur ca. 11.500 Jahre alt ist, das sogenannte Shigir-Idol im Museum von Jekaterinburg in Russland, eine ursprünglich 5 m hohe, menschliche Figur, die, wie Wissenschaftler erst kürzlich herausfanden, damals aus einer frisch gefällten, über 160 Jahre alten Lärche geschnitzt wurde und sich in einem Moor erhalten hat.
Aus dieser Tiefe kommt das Werk von Klaus Hack, es wurzelt gleichsam in Äonen. Es hat in allen heutigen Verwandlungen und Variationen seinen Ursprung in der menschlichen Figur, resultiert aus dem Drang der Menschen als sozialen Wesen, sich ein Bild ihrer selbst zu machen.
Das wird vollkommen klar, wenn man in das geräumige Atelier von Klaus Hack eintritt. Wenn man der enormen Fülle von meist weißlich gefassten Figuren, die dort lagern und auf ihren Weg zu den Betrachtern warten, gewahr wird und fast schon körperlich spürt, welche physische Energie und welche Kräfte der Vorstellung, der Intuition und auch der Phantasie darin stecken.
Wenn Klaus Hack den Stamm eines gefällten Baumes, gleich welchen Holzes, welcher Härte und materiellen Beschaffenheit, zu bearbeiten beginnt, gibt das zylindrische Volumen das Maß der Arbeit vor. Wie der Bildhauer am Stein imaginiert auch der am Holz die Möglichkeiten seiner Form im konkreten Material. Wobei Klaus Hack, wie er selbst betont, eben gerade nicht das fertige Kunstprodukt in seinem Stamm vorhersieht, sondern mit Offenheit auf das Kommende an die Arbeit geht, gleichsam im Dialog mit dem gewachsenen Material. Zwar hat der Bildhauer eine Vorstellung, doch das eigentliche Ergebnis bildet sich in der Arbeit heraus. Man sieht es den Skulpturen an, sie sind zumeist phantastische Behauptungen einer höchst lebendigen Vorstellungskraft.
Klaus Hack wusste früh, was er wollte. 1966 in Bayreuth geboren, studierte er von 89 bis 91 an der Nürnberger Akademie bei Wilhelm Uhlig, einem Bildhauer, der die klassische, deutsche, figurative Plastik in der Nachfolge von Adolf von Hildebrand und Wilhelm Lehmbruck vertrat. Aber dann begegnete er den Arbeiten von Rolf Szymanski, war beeindruckt und zog nach Berlin an die Hochschule der Künste, um bei ihm und später auch bei Lothar Fischer weiter zu studieren. 1995 verließ er die Hochschule mit dem Meisterschülerabschluss. Da hatte er sich längst für die Holzbildhauerei entschieden und es waren bereits Arbeiten entstanden, die sich als Meilensteine auf dem weiteren Weg erweisen sollten.
Der wunderbare Rolf Szymanski, mit dem auch ich einige Jahre in der Berliner Akademie zusammenarbeiten durfte, und der zumeist als Plastiker und in Bronze arbeitete, hat in Klaus Hacks Arbeit wohl mehr als nur Spuren hinterlassen. Weniger im formalen Sinne als vielmehr darin, dass er in seinem vielgestaltigen, das Bild der Realität kraftvoll, gleichsam surreal übersteigernden Werk den Wesenskern der menschlichen Figur erkennbar, zumindest erahnbar erhalten hat.
Auf seinem bisherigen Weg sind Klaus Hack einige Erfindungen gelungen. Plastiken aus Schnee, in Gips abgeformt und in Beton für die Ewigkeit gegossen, wie sie hier am Eingang stehen, kannte ich bisher noch nicht. Am eindrucksvollsten ist jedoch der Holzschnittdruck von geschnitzten Baumstämmen, deren erhabene Partien eingefärbt und dann auf Nessel oder Leinwand abgerieben werden. Ganz so, als wäre der Stamm über den Stoff gerollt worden, entsteht so etwas wie ein großformatiger Rapport des jeweiligen Motivs, das sich mehrfach wiederholen kann. Zwischen 1999 und 2001 hat Klaus Hack in dieser Technik von 24, bis zu zwei Meter großen Pappel- und Lindenholzstämmen 48 Drucke zum Thema „Totentanz“ abgerieben, die für mich zum Aufregendsten gehören, was auf dem Gebiet des von den Expressionisten am Anfang des vergangenen Jahrhunderts wiederentdeckten Holzschnittes im 20. Jahrhundert überhaupt entstanden ist.
Überhaupt: die Expressionisten, besonders die Dresdner Künstler der „Brücke“. Irgendwo habe ich gelesen, Klaus Hack habe zunächst ein technisches Studium erwogen, bis er Skulpturen von Ernst Ludwig Kirchner sah und sich daraufhin für eine künstlerische Laufbahn entschied. Formal haben Hacks Skulpturen mit denen der Expressionisten wenig gemein; intentional jedoch durchaus. Denn diesen Künstlern ging es darum, die Ausdruckskraft zu steigern: durch die Rückbesinnung auf naturhafte Kräfte, die Überschreitung kultureller Gebote und den Rückgriff auf Formen archaischer Herkunft oder auf das, was man damals als Emanationen „urwüchsiger“ Kultur verstand.
Heute ist das längst erledigt: Was kulturell oder zivilisatorisch überschritten werden kann, ist längst überschritten – oft bis zum Überdruss. Sie kennen das alles. Geblieben ist jedoch die Erweiterung des Repertoires formaler Intensität. Längst nicht mehr im Sinne avantgardistischen Voranschreitens, sondern als Vertiefung.
Wenn man Klaus Hack als Teil der Erbengemeinschaft expressionistischer Kunst verstehen will, dann auf diesem Gebiet. Und er hat seinem Material, seinem Werkstoff, deutlich mehr abverlangt als die meisten seiner Kollegen, wenn man zum Beispiel an die Kettensägenmassaker von Georg Baselitz am Holze denkt, die dann auch noch in Bronze abgegossen wurden.
Klaus Hack geht einen ganz anderen Weg. Zuerst, weil er dem konkreten Holz die Identifizierbarkeit nimmt, indem er die Oberflächen in mattem, die Materialstruktur durchscheinend belassendem Weiß mit Acrylfarbe fasst, ganz so, als wäre das eine Grundierung für die eigentliche, die farbige Fassung, die es allerdings nie gibt. Wir sehen nicht, selbst wenn wir es unterscheiden könnten, ob es sich um Pappel-, Weiden-, Ahorn-, Eichenholz oder welches der heimischen Gewächse auch immer handelt. Doch wird uns das jedoch als Teil der Titelgebung jeder Arbeit mitgeteilt, denn jedes dieser Hölzer hat besondere Eigenschaften, die die Ausdrucksformen der Skulpturen mitprägen.
Und zum anderen durch die Intensität der handwerklichen Ausführung. Kaum einmal gibt es eine blockhafte Skulptur, immer sind die Durchbrüche, Durchblicke, der Wechsel von negativen wie positiven Formen und Volumen spannungsvoll gegenübergestellt. Und fast immer sind sie allansichtig. Man kann um sie herumgehen und hat aus jeder Position ein gültiges Werk vor Augen.
Und die dritte Besonderheit dieser Arbeit ist die Fülle der Themen und Motive. Neben den vollplastischen Arbeiten und den Drucktrommeln hat Klaus Hack immer wieder Reliefs gebaut und geschnitten, die Physiognomien von Kathedralen erkundet, architektonische Formen geschaffen, die Lianen gleich in Höhen streben. Er hat spirituelle wie säkulare Altäre konstruiert, die sich schließen und öffnen lassen, hat phantasmagorische Wesen imaginiert, Chimären und Hybride wie Mondgeist, Einhorn, Racheengel und auch einen müden Tod.
Das alles findet sich auch in den wunderbaren Zeichnungen wieder, die gar keine sogenannten „Bildhauerzeichnungen“ im klassischen Sinne sind, sondern kleine Malereien in Aquarell oder Ölfarben, meist auf A4-Papier, auf denen sich der ganze Reichtum der Erfindungsgabe ihres Autors zeigt.
Und es ist diese eminente Erfindungsgabe, die die ganz reale vierte Dimension der Skulpturen von Klaus Hack darstellt.
Wir dürfen auf weiteres gespannt sein und gratulieren dem Künstler und der Galerie!
Matthias Flügge, Juli 2026
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